Fleisch for fun“ nen­nt Hilal Sez­gin ihren Beitrag in der taz, in Über­spitzung dessen, nein, lei­der nicht in Über­spitzung dessen, was die um gesellschaftliche Akzep­tanz der Tier­hal­tung bemühte land­wirtschaftliche Fach­presse den Tier­hal­tern rät. Im Land­wirtschaftliche Wochen­blatt West­falen-Lippe (ich habe ein Abo), top agrar (hat m.o.w. jed­er Land­wirt) und andere Branchen­zeitun­gen rat­en Redak­teure, Berater, Branchen­vertreter den sich Anfein­dun­gen aus­ge­set­zten Tier­pro­duzen­ten, das Wort “Antibi­oti­ka” zu ver­mei­den, “Stall” zu sagen statt “Anlage”, “Tier­hal­ter” statt “Mäster”, auf den Punkt gelun­gene Slo­gans wie eben “Fleisch for fun” zu schwin­gen, seine Ställe nicht jedem zu zeigen und so weit­er.

Die in Wirtschaft und Poli­tik gängige Meth­ode, uner­wün­schte neg­a­tiv kon­notierende Begriffe durch Euphemis­men (Beschöni­gun­gen) zu erset­zen, hat auch in der Land­wirtschaft Tra­di­tion — augen­fäl­lig etwa bei “Pflanzen­schutzmit­teln”, die ander­norts unschön als “Pes­tizide” oder ganz schlicht als “Gift” verunglimpft wer­den. Zum von der Land­wirtschaft und ihrer wohlmeinen­den Fach­presse mit wenig Geschick und Gespür geführten Rin­gen um die richtige Sprachregelung hat­te ich schon mal etwas geschrieben (PR-Desaster im Kampf um die Deu­tung­shoheit: die Kam­pagne „Dumm­wort des Jahres“ des DLZ-Agrar­magazins), und der aktuelle taz-Artikel zeigt, daß der damals beschrit­tene Pfad unbeir­rt fort­ge­set­zt wird.

Gelun­gene Kom­mu­nika­tion heißt nicht, daß man den Kon­tra­hen­den ein­seift. Oder es fast noch schlim­mer auf so durch­sichtige Art und Weise ver­sucht, daß das dann in der taz ste­ht. Ist klar, braucht man nicht weit­er auszuführen.

Aber was stattdessen? Ich bin ja nun auch beken­nen­der Car­ni­vore, und ohne hier in eine Ethik-Debat­te ab- oder hin­aufzu­gleit­en (klein­er Ver­weis den­noch, auch in der des Veg­an­is­mus-Bash­ing unverdächti­gen taz: Fleisch gehört dazu von der Ökotropholo­gin Ulrike Gonder), kann man sich ja fra­gen, wie man unter der Hypothese, in kon­ven­tionellen Ställen sei alles in Ord­nung, (die Her­vorhe­bung bedeutet, sicher­heit­shal­ber: auch das will ich hier nicht disku­tieren. Hypothese.) mit Kri­tik­ern gelin­gend über große Ställe, Medika­mente, Schlachthöfe etc. kom­mu­nizieren sollte. Also qua­si: was agroblogger.de denn rät.

Erstens: man übern­immt zwar nicht die Kampf­be­griffe der Kri­tik­er (d.h. gezielt wegen sein­er neg­a­tiv­en Kon­no­ta­tion benutztes und somit auch nicht an ein­er gelin­gen­der Kom­mu­nika­tion, son­dern sein­er “pro­pa­gan­dis­tis­chen Wirk­samkeit” ori­en­tiertes Vok­ab­u­lar wie eben “Gift”, “Tötungs­fab­rik” etc.), son­dern wählt sach­liche Worte, z.B. die, die inner­halb der Branche ganz selb­stver­ständlich benutzt wer­den. Ein kon­ven­tioneller Schweinemäster hat an dem Wort “Mas­tan­lage” über­haupt nichts auszuset­zen, wenn er mit seinen Kol­le­gen spricht. Warum also eine Pro­pa­gan­dasprache erfind­en? Schämt er sich?

Zweit­ens: der Stall wird sehr wohl geöffnet und vorgezeigt. Wenn es darin so aussieht bzw. zuge­ht, daß man das nicht im Fernse­hen oder auf YouTube sehen möchte, dann ist etwas nicht in Ord­nung. Dann heißt es: sauber­ma­chen, weniger Tiere pro m2, Spiel­gerät ein­bauen etc. pp., was man so alles tun kann und auch aus fach­lich­er Sicht tun muß. Ganz nor­mal. Wenn es nichts gibt, wofür man sich meint schä­men zu müssen, warum dann nicht Trans­parenz, ruhiges Argu­men­tieren, Ern­st­nehmen der Argu­mente der Kon­tra­hen­den?

Drit­tens: auch die Kon­tra­hen­den wer­den mit Bezug auf ihre Sprache in die Pflicht genom­men. Denn “die Tier­schützer”, wenn ich das hier mal so ver­all­ge­mein­ernd sagen darf (in Wirk­lichkeit ist ja auch hier die öffentliche Debat­te von ziel­grup­penori­en­tierten Medi­en, NGOs auf der Suche nach kam­pag­ne­fähi­gen Pro­jek­ten etc. bes­timmt) sind wahrlich nicht zim­per­lich in Wort­wahl und Meth­ode (zu Meth­o­d­en vgl. die tier­be­freier e.V., nur mal so). Wer sich über Beschöni­gun­gen der Agrar­branche aufregt, sollte selb­st auch sauber sein, und da läßt sich dur­chaus das eine oder andere Haar in der veg­a­nen Suppe find­en.

2 Responses to Die taz merkt, was die landwirtschaftliche Fachpresse (@topagrar etc.) mit “besserer Kommunikation” meint: Beschönigen.

  1. peter.fuchs@wirbauern-online.at' Peter Fuchs sagt:

    Zweit­ens: der Stall wird sehr wohl geöff­net und vorge­zeigt. Wenn es darin so aussieht bzw. zuge­ht, daß man das nicht im Fernse­hen oder auf YouTube sehen möchte, dann ist etwas nicht in Ord­nung. Dann heißt es: sauber­ma­chen, weniger Tiere pro m2, Spiel­ge­rät ein­bauen etc. pp., was man so alles tun kann und auch aus fachli­cher Sicht tun muß. Ganz nor­mal. Wenn es nichts gibt, wofür man sich meint schä­men zu müssen, warum dann nicht Trans­pa­renz, ruhiges Argumen­tie­ren, Ernst­neh­men der Argu­mente der Kon­tra­hen­den?”

    Das klingt alles sehr vernün­ftig. Aber bei der völ­li­gen Ent­frem­dung des Kon­sumenten vom bäuer­lichen Her­stel­lung­sprozess und seinen “Pro­duk­ten” (vor allem in Sachen Tier­hal­tung), wie sie auch über die Wer­bung schön­fär­bend bzw. ver­dum­mend längst zemen­tiert wird (in Öster­re­ich spricht ein kleines, niedlich­es, kluges, stets sauberes und selb­stver­ständlich frei laufend­es Schwein mit seinem Bio-Bauern — in der Wer­be­lin­ie des größten Diskon­ters) ist es ger­adezu naiv anzunehmen, dass ein “nor­maler” städtis­ch­er Kon­sument NICHT geschockt, zumin­d­est schw­er ver­stört, über­fordert ist, wenn ihm ein kon­venti­noneller Stall geöffnet wird, für den sich sein Besitzer keineswegs schä­men zu müssen glaubt. Denken Sie nicht?

    peter.fuchs@wirbauern-online.at

    • Abso­lut zutr­e­f­fend. Aber es hil­ft ja nichts. Die Kom­mu­nika­tions­fehler der ver­gan­genen Jahrzehnte sind unbe­stre­it­bar und haben tiefe Spuren in den Köpfen der nicht-bäuer­lichen Bevölkerung hin­ter­lassen, aber deswe­gen kön­nen wir ja nicht, und vor allem nicht über Nacht, die gesamte “Pro­duk­tion” auf die idyl­lis­chen Vorstel­lun­gen umkrem­peln, und es ist fraglich, ob das über­haupt sin­nvoll wäre. Ander­er­seits kön­nen wir die Real­itäten nicht (mehr) wegschließen, denn dazu gibt es zu viele, die berechtigter­weise wis­sen wollen und zeigen wollen, was los ist und wo ihr Essen herkommt. Bleibt doch nur die kalte Dusche und die Riese­nauf­gabe für die Land­wirtschaft, sich zugle­ich zu verbessern und zu erk­lären.

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