Aus dieser Quelle sprudelt wie immer klares Wass­er: Chris­t­ian Dürn­berg­er analysiert in „Ökodiskurse: Natur macht Angst“, auf NovoAr­gu­mente online erschienen am 27.5., die apoka­lyp­tis­che Metaphorik, die von Naturschützern gern benutzt wird. Er zeigt, wie und wann sich unsere Sichtweise von ein­er Bedro­hung durch die Natur, gegen die es zu kämpfen gilt, zu ein­er bedro­ht­en Natur, die es zu schützen gilt, gewan­delt hat, und wie sich dies in der Ikono­gra­phie und lit­er­arischen und filmis­chen Bildern der Natur nieder­schägt.

Dürn­berg­er zitiert den Umwelth­is­torik­er Joachim Rad­kau:

Braucht die Öko-Bewe­gung wirk­lich die Angst vor dem Wel­tun­ter­gang? Die his­torische Erfahrung scheint zu zeigen, daß eine prak­tis­che Ethik den Glauben an die Hölle nicht nötig hat.“

Er betont die Auswirkung der Stil­isierung ein­er zer­brech­lichen, ver­let­zlichen Natur und das Schreck­en­szenario ein­er men­schengemacht­en Apoka­lypse auf die Natur­wahrnehmung von Kindern, bei denen an die Stelle der Angst vor der Natur die Angst davor tritt, diese kaputt zu machen — und die sie deswe­gen am besten nicht stören, nicht anfassen soll­ten. Statt ein­er Hin­wen­dung zur Natur also eine Ent­frem­dung von ihr.

Drei Vorschläge macht Dürn­ber­ber, wie stattdessen über Natur gesprochen wer­den sollte:

  1. Statt ein­er dif­fusen Angst vor ein­er Zer­störung „der“ Natur soll­ten konkrete Prob­leme in den Vorder­grund gerückt wer­den. Diesen Vorschlag würde ich als „Entide­ol­o­gisierungs-Vorschlag“ beze­ich­nen.
  2. Statt so zu tun, als stünde nach Jahrtausenden eines friedlichen naturver­bun­de­nen Lebens nun der Wel­tun­ter­gang unmit­tel­bar bevor, nimmt gegen­wär­tige Prob­leme — oft fälschlicher­weise — aus einem his­torischen Kon­text, in dem es auch früher schon Prob­leme gab und auch in Zukun­ft noch neue geben wird. Diesen Vorschlag würde ich als „Entsin­gu­lar­isierungs-Vorschlag“ beze­ich­nen.
  3. Statt den Schutz der Natur über die „Dystopie“, also einem im Gegen­satz zur Utopie düsteren Bild der Zukun­ft, und damit über die Angst befördern zu wollen, fragt er, ob nicht  pos­i­tive Zukun­fts­bilder davon, wie wir uns ein — real­is­tis­ches — Leben mit der Natur vorstellen in den Vorder­grund rück­en sollen, wenn der Moti­va­tion­sef­fekt ein­treten soll. „Entapoka­lyp­tisierungs-Vorschlag“ (wird langsam zu umständlich, oder?). Und jet­zt kommt mein Lieblingssatz:

Natur­vorstel­lun­gen, die eine kul­turell stark über­formte Natur mit Wild­nis und Ursprünglichkeit gle­ich­set­zen, scheinen hier nur bed­ingt als Aus­gangspunkt zu tau­gen. Wo Natur das Unberührte ist, ist ihr Schutz eine Hands-off-Strate­gie und jeglich­er Ein­griff an der Gren­ze zur Dystopie.“

Die grüne Bewe­gung hat, wie z. B. durch den “Veg­an­er-Flügel” deut­lich wird, ein tief­sitzen­des Prob­lem mit der Nutzung der Natur. Auch in der unberührten Natur nutzen alle Lebe­we­sen die belebte und unbelebte Natur. Der Nach­haltigkeits-Begriff weist der Weg aus dem Dic­kicht.

Die Bevorzu­gung der Utopie gegenüber dem Schreck­ensszenario, der Lust gegenüber der Angst, ste­ht auch hin­ter mein­er Begeis­terung für Slow Food und meinem Fremdeln gegenüber der Mis­sion von Food­watch; vgl. meinen Beitrag “Richtig essen — eine Frage der Gesund­heit oder eine Frage der Kul­tur?”.

Meinethal­ben gehört noch ein Vorschlag dazu:

4. Statt ein­er Natur-Tech­nik-Dichotomie, die eins zu eins in eine Böse-Gut-Dichotomie über­führt wird (bis vor 100 Jahren ja umgekehrt eine Gut-Böse-Dichotomie), sollte die Kom­plex­ität bei­der Sphären anerkan­nt wer­den. Ameisen in der Küche ner­ven und müssen weichen, Pilzkrankheit­en im Getrei­de sind auch böse, während Smart­phones und Jack Wolf­skin-Jack­en Tri­umphe der Tech­nik über die Natur sind und als solche bedenken­los gefeiert wer­den dür­fen. Ver­gle­iche meinen Beitrag “Kon­ven­tionelle Land­wirtschaft in der Defen­sive — Kor­rek­turen im Detail oder Sys­temwech­sel?”, wo ich aus­führlich die Tech­nikfeindlichkeit der grü­nen Bewe­gung disku­tiere.

Querver­weis:

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