Im gestrigen Kommentar in der taz von Stefan Müller Abschied vom Kalbsbries bemängelt der Autor, daß Kalbfleisch, Innereien und andere Gerichte tierischen Ursprungs von der Gastro-Kritik „nach wie vor“ positiv bewertet werden. Er fragt und antwortet:

Doch auf welcher Basis werden diese Geschmacksurteile gefällt? Auf durchaus veralteten Denkweisen, die alle aktuellen gastrosophischen und politischen Diskussionen ausblenden.

Was Müller nicht auffällt: darin verbirgt sich die durchaus steile These, daß Geschmacksurteile, allgemeiner gesagt ästhetische Urteile oder noch allgemeiner nicht-moralische Werturteile, davon abhängen, ob mit der Wertung oder auch nur Handlungen, die mit einer positivien ästhetischen Wertung verbunden sein könnten, moralisch angreifbar sind. Diese These wird durchaus in der Philosophie diskutiert, aber man müßte schon mindestens Problembewußtsein demonstrieren.

Ich  halte sie überdies für falsch. Ist ein ausländerfeindlicher Witz oder einer, der sich über körperliche Gebrechen lustig macht, deshalb nicht mehr witzig? In meinen Augen ist das blanker Unsinn. Der Hinweis „das ist nicht lustig!“ meint etwas anderes, nämlich: auch wenn es natürlich lustig ist, sollte man so einen Witz nicht machen. Durch seine moralische Verwerflichkeit bleibt jedoch der Witz witzig!

Ebenso bei unserer kulinarischen Problematik. Ein Kalbsschnitzel schmeckt hervorragend, ganz egal, für wie verwerflich und barbarisch ich das Meucheln eines noch nicht ausgwachsenen Rindes halte. Diese Feststellung darf man nicht damit verwechseln, daß jemand natürlich Ekel empfinden kann angesichts eines Kalbsschnitzels, weil ihm etwa das Bild des vom Bolzenschußgerät getöteten Kalbs dabei nicht aus dem Kopf geht. Das ist etwas Persönliches.

Müller schwebt aber eine gesinnungsethisch saubere Gastrokritik vor, in der nicht nur überhaupt Ethik im Geschmacksurteil einfließen soll, sondern sogar seine auch unter ethisch versierten und bewußten Menschen keinesfalls allgemein akzeptierte These, nämlich die, daß es mit dem Töten von Tieren und dem Essen von Fleisch grundsätzlich ein moralisches Problem gebe:

Darf er Bücher wie „Gutes Fleisch“ und die „stressfreie Schlachtung“ vorbehaltlos loben? Angesichts der bekannten Fakten zu Massentierhaltung, Überfischung und Klimaproblematik lautet die Antwort ganz klar: nein.

Man kann durchaus für die Tiernutzung einschließlich von deren Verspeisen argumentieren. Man kann dafür argumentieren, daß der Mensch Teil der Natur ist und so wie andere Lebewesen auch ißt, wessen er habhaft werden kann, außer seinen Artgenossen. Man kann argumentieren, daß die Domestikation von Tieren auch zum Zwecke ihrer Tötung, daß die Jagd auf Tiere mit der Absicht, sie aufzuessen, mit der Entstehung und dem kulturellen Erbe des Menschen so eng verbunden ist wie kaum etwas anderes. Solche Zweifel an der veganen Ideologie kommen Müller offenbar nicht.

Tiere zu töten und zu essen muß natürlich auch nicht in Form von Massentierhaltung, Überfischung und negativem Klimabeitrag erfolgen, aber das nur ganz nebenbei. Beispiel: Jagd. Aber da haben wir den Schützer der Tierrechte auch am Wickel! Jagd, ein rotes Tuch für den Veganer. Dabei leidet das Tier günstigstenfalls keine Sekunde, weil es den Schuß nicht mehr hört, hat ein ganzes Leben in freier Natur verbracht etc. – aber der Jäger, dieser Mörder, ist das personifizierte Böse.

Heraus kommt jedenfalls ein geradezu jakobinischer Gesinnungsterror, ein veganer Fundametalismus, eine vegan-maoistische Kulturrevolution. Bevor ich noch andere heftige historische Vergleiche ziehe, beende ich den Artikel lieber.

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