Zum Auftakt der DLG-Unternehmertage in Mannheim hat DLG-Präsident Carl-Albrecht Bartmer gefordert, „die Landwirtschaft müsse sich aus der Informations-Sackgasse befreien, abgerissene Kommunikationsstränge in die Gesellschaft mit modernen Werkzeugen erneuern und Deutungshoheit über agrarische Themen wieder erlangen. […] Die Landwirtschaft hat die Gesellschaft bei der Modernisierung ihrer Branche nicht mitgenommen. Diese Gesellschaft weiß nicht, dass wir mit moderner Technik und neuesten Erkenntnissen aus Wissenschaft und Praxis die Produktivität knapper Faktoren zu ihrem Nutzen steigern und dadurch zum Nutzen von Landschaft und Biodiversität beitragen.“

Für Bartmer handelt es sich um ein Kommunikationsproblem, das die Landwirte abstellen sollten: „Kommunikation ist Chefsache. […] Wir müssen uns auch auf dem Wege Internet und Social Media auf die Gesellschaft zubewegen. Bilder und Informationen über den Betrieb, Storys darüber, was im Moment auf den Feldern gemacht wird sowie Informationen über das, was die Landwirtsfamilie sorgt und was sie freut, eben was das regionale Umfeld interessiert, können helfen, Verständnis und Vertrauen zu wecken.“ Er faßt zusammen: „Kommunikation ist das Instrument für die Akzeptanz der Landwirtschaft in der Gesellschaft, und diese Akzeptanz ist letztlich unsere Berechtigung zum Wirtschaften am Standort Deutschland in Europa.“

So sehr ich Bartmers Forderungen zustimme, erscheint mir seine Analyse einseitig, und dementsprechend sind auch die Handlungsimplikationen nur die halbe Wahrheit. Wenn Kommunikationsstränge abreißen, das ist ja sein Bild, dann transportieren sie nämlich in beide Richtungen keine Informationen mehr. Die Landwirtschaft versteht den urbanen Menschen auch nicht. (Man verzeihe mir die Pauschalisierung; wo hier etwa die Biobauern stehen, wäre wieder ein anderes Thema)

Der Städter kommuniziert mit tausend Zungen in Richtung Landwirtschaft, nicht zuletzt in der gebündelten Form von z. B. Naturschutz-Organisationen. Der Landwirt lebt mitten in dieser Umgebung: nicht nur über die Medien, sondern auch in seinem Lebensumfeld ist er in der Nachbarschaft, über Schulfreunde der Kinder, Agrar-Touristen und so weiter mit außerlandwirtschaftlichen Kreisen konfrontiert, denn in Deutschland gibt es praktisch keine Gegenden mehr, in der Landwirte unter sich sind. Will die Landwirtschaft Akzeptanz, muß sie nicht nur erklären, sondern auch zuhören – und gegebenenfalls auch zu Veränderungen bereit sein. Kommunikation ist keine Einbahnstraße.

Warum braucht die Landwirtschaft überhaupt gesellschaftliche Akzeptanz? Weil die Gesellschaft mit ihren Medien, Organisationen, Bürgerinitiativen, Politikern mit Gesetzgebungskompetenz, der durch all das reglementierten und personell geprägten Verwaltung usw. einen kritischen Standortfaktor für die Branche darstellt. Die Landwirtschaft profitiert von Rechtssicherheit, gut ausgebildeten Mitarbeitern, zahlungskräftigen Käufern, außerlandwirtschaftlichen Beschäftigungsmöglichkeiten und so weiter, aber der Handlungsspielraum des landwirtschaftlichen Unternehmers ist eben auch zu einem guten Teil durch sie bestimmt. Den Standort zu sichern heißt nicht nur erklären, sondern auch zuhören und zu Veränderungen bereit sein.

Als Einstieg in das Projekt „Die Landwirtschaft versucht, den Städter zu verstehen“ folgende zwei Punkte:

  1. Wo ist das urbane Unbehagen so tief und so verbreitet, daß sich die Frage stellt, ob es nicht besser ist nachzugeben, statt Schlachten zu schlagen, die nicht zu gewinnen sind und durch die bloß Vertrauen verspielt wird? Ein Kandidat dafür könnte die grüne Gentechnik sein. Genetisch modifizierte Nahrungs- und Futtermittel stoßen in der Bevölkerung auf eine ähnlich breite Ablehnung wie die Atomkraft, und auch die Gründe dafür ähneln sich. Die deutsche Landwirtschaft muß sich fragen, was es sie eigentlich kosten würde, sich auf einen nationalen Gentechnik-Verzicht zu verpflichten – Forschungsfreiheit, wissenschaftliche Evidenz und Wettbewerbsnachteil gegenüber dem Ausland hin oder her.
  2. Wo ist das urbane Unbehagen nachvollziehbar? Man muß sich klarmachen, daß der Städter weder mit der Normalität von Gnadenschuß und Schlachtung aufgewachsen ist noch die jahrtausendealte grimmige Entschlossenheit, sich die Ernte weder vom Ackerfuchsschwanz noch vom Mehltau noch von den Ratten entreißen zu lassen, mit der Muttermilch aufgesogen hat. Vielleicht führt diese fehlende Prägung ja an manchen Stellen zu einer klareren Sicht! Über artgerechte Tierhaltung, Bodenschutz, Pflanzenschutzmittelreste in Nahrungsmitteln und dergleichen läßt sich jedenfalls trefflich streiten. Unsere Großeltern haben noch mit Arsen und Quecksilber gebeizt und Pferde, Sauen Kühe und anderes Vieh winters im finsteren, schlecht belüfteten Stall monatelang angebunden gehalten. Reicht der Platz pro Tier? Tun wir genug für den Bienenschutz? Ist die Pflanzengesundheit als Zuchtziel hoch genug gewichtet? Braucht die Landwirtschaft neue Mechanismen, eigene Mechanismen, die erkannte negative gesellschaftliche Externalitäten so einpreisen, daß der Landwirt aus betriebswirtschaftlichem Kalkül akzeptabel agiert – und zwar bevor der Gesetzgeber auf öffentlichen Druck hin aktiv wird?

Die Frage für das Projekt „Dem Städter die Landwirtschaft erklären“ lautet: Wo beruht das urbane Unbehagen auf Fehlschlüssen, Mißverständnissen, Uninformiertheit, auf fehlenden eigenen Erfahrungen? Eigene Erfahrungen mit Nutztieren, dem Acker und der Landmaschine sind mit Sicherheit das größte Desiderat für eine Bildung der urbanen Bevölkerung in die Richtung, die Bartmer sich vorstellt. Wichtiger als das Argumentieren in sozialen Medien oder sonstwo. Holt die Städter auf die Höfe und zeigt es ihnen!

Wie an anderer Stelle ausgeführt, scheint es mir im urbanen Bild des konventionellen Landwirts eine nicht zielführende Vermischung verschiedener Aspekte von „industriell“ zu geben; siehe Konventionelle Landwirtschaft in der Defensive – Korrekturen im Detail oder Systemwechsel? Daß Landwirtschaft in Deutschland mit seiner immer noch vom Familienbetrieb dominierten Struktur in dieser Hinsicht weit von industriellen Maßstäben entfernt ist (mit kleinen, aber für die gesellschaftliche Akzeptanz bedeutenden Ausnahmen wie etwa in der Geflügelhaltung), kann man auf den Höfen schnell lernen. Und daß auch für einen Familienbetrieb bei entsprechender Flächenausstattung kein vernünftiger Grund gegen einen Mähdrescher mit 7,60 m breitem Schneidwerk, 500 PS, GPS und vollklimatisierter Kabine existiert, sondern damit vielmehr besonders resourcenschonend gearbeitet werden kann, läßt sich einem Besucher, dessen PKW auch über GPS und Klimaanlage verfügt, leicht erklären. Der Landwirt kann mit dem

Fazit: Die Landwirtschaft ist in der durchurbanisierten Gesellschaft ganz klar in der Minderheit und muß sich fragen, wie sie sich selbst verändern oder gar neu erfinden kann, um in dieser Gesellschaft einen sicheren und komfortablen Platz wiederzuerlangen. Reden allein wird nicht reichen.

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