Dieser Artikel ist ganz nach meinem Geschmack. Da wird von Vinzent Börn­er mit ein­er klu­gen Analyse gezeigt, dass es beim Kon­flikt um die indus­trielle Land­wirtschaft nicht nur um Sach­fra­gen geht, son­der dieser auch (Börn­er meint: vor allem) “eine Auseinan­der­set­zung ist, die eine von Ent­frem­dung und wach­sender sozioökonomis­ch­er Ohn­macht geprägte Gesellschaft führt, um sich einen Rest an Kon­trolle über ihr eigenes Leben zu bewahren.”

So geht seine Argu­men­ta­tion:

Aus dem Zusam­men­spiel der Eigen­schaften von Land­wirtschaft als biol­o­gis­chem Sys­tem und ein­er über­wiegend sat­ten Gesellschaft entste­ht also die Möglichkeit, das Ver­ständ­nis von Land­wirtschaft für Zwecke des Kon­troller­halts zu instru­men­tal­isieren. […] Die Vere­in­fachung land­wirtschaftlich­er Pro­duk­tion in der gesellschaftlichen Wahrnehmung durch Anwen­dung eines entsprechend sim­plen biol­o­gis­chen Mod­ells erlaubt eine Sug­ges­tion des Ver­ständ­niss­es über wenig­stens diesen Teil der Gesellschaft und damit den Erhalt eines Rest­be­standes an Kon­trolle.

Indus­tri­al­isierung und Ver­wis­senschaftlichung bedro­hen genau diesen Rest­be­stand und wer­den deshalb von großen Teilen der Bevölkerung abgelehnt oder gar bekämpft, sobald sie offen­sichtlich wer­den. Die gesellschaftliche Auseinan­der­set­zung über Gen­tech­nik, Massen­tier­hal­tung und Indus­tri­al­isierung in der deutschen Land­wirtschaft ist dem­nach nur zu einem gerin­gen Teil den zugrunde liegen­den – wichti­gen und richti­gen – Fra­gen von Sinn und Unsinn end­losen Wach­s­tums, von Effizien­z­druck, Naturver­brauch und tech­nol­o­gis­chen Risiken geschuldet. Das bele­gen allein schon die Kon­sum- und Lebens­ge­wohn­heit­en.”

Dem ist hinzuzufü­gen, dass zu den wichti­gen und richti­gen zugrun­deliegen­den Fra­gen nicht nur die nach dem Sinn und Unsinn end­losen Wach­s­tums, von Effizien­z­druck, Naturver­brauch und tech­nol­o­gis­chen Risiken gehören, son­dern auch die Sehn­sucht nach Kon­troller­halt aus ein­er solchen entspringt, näm­lich der Schwierigkeit, in ein­er hyper­kom­plex­en und tech­nisierten Welt Authen­tiz­ität zu fühlen. Dass unser Umgang mit der Natur und unsere Nahrung — in bei­den Bere­ichen ist die Land­wirtschaft zen­tral — dabei eine Schlüs­sel­rolle spie­len, ist klar. Insofern ist Börn­ers Verdikt, dass “der Kon­flikt um die indus­trielle Land­wirtschaft weniger ratio­nal begrün­det ist”, aus mein­er Sicht zu weit­ge­hend.

Das schmälert nicht seinen Ver­di­enst, dazu beizu­tra­gen, die Debat­te um indus­trielle Land­wirtschaft in die Teilde­bat­ten zu zer­legen, die einzeln geführt wer­den soll­ten.

Kleine Mäkel-Fußnote:
“Die deutsche Land­wirtschaft schafft es tat­säch­lich, mit nur 17 Mil­lio­nen Hek­tar Nutzfläche 80 Mil­lio­nen Men­schen so zu ver­sor­gen, dass sich diese über­ernähren kön­nen. Dies wurde durch eine »Ver­wis­senschaftlichung« der agrarischen Pro­duk­tion ermöglicht, die gerne auch als »Grüne Rev­o­lu­tion« beze­ich­net wird.”
So geht’s natür­lich nicht. Die Fut­ter­mit­tel-, Dünger- und Energieim­porte aus Übersee, die in die deutsche Pro­duk­tion­s­menge ein­fließen, sind hier eben­so unter den Tisch gefall­en wie ein Zusam­men­hang zwis­chen Über­ernährung und Außen­han­dels­bi­lanz nicht im Min­desten beste­ht.
Siehe zu The­ma indus­trielle Land­wirtschaft auch meine früheren Beiträge:

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