Anläßlich des jüng­sten Kabi­netts­beschlusses zur Nov­el­le des Tier­schutzge­set­zes, mit der unter anderem die Kennze­ich­nung von Pfer­den mit­tels Heißbrand oder Schenkel­brand ver­boten wer­den soll: Es gibt zweifel­los drän­gen­dere ethis­che Prob­leme in der Pfer­de­hal­tung als den Schenkel­brand — Pfer­de­hal­tung ohne Wei­de­gang, Rol­lkur, unfähige Reit­er. Ver­boten wird aber der Schenkel­brand. Warum?

Zunächst die Fak­ten­lage zur inkri­m­inierte Kennze­ich­nungsmeth­ode mit ein­er Geschichte, die fast so alt ist wie die Pfer­de­hal­tung selb­st. Kaum ver­wun­der­lich, dass auch ihre Geg­n­er Stu­di­en anführen kön­nen, die ihre Sichtweise unter­stützen. Allein, wenn es um “harte” wis­senschaftliche Evi­denz geht, scheinen die Befür­worter die Nase vorn zu haben. Die Tiere zeigen beim Bren­nen keine sig­nifikant anderen Ver­hal­tensweisen als etwa beim Scheren (siehe dazu etwa dieses Video des Han­nover­an­er Ver­bands, bitte das erste Drit­tel pein­lich­er Bauchn­abelschau vor­spulen). Anders als der Elek­troza­un wird das Bren­neisen vom gebran­nten Fohlen später nicht mit Schmerz in Verbindung gebracht. Beein­träch­ti­gung 48 Stun­den nach der Proze­dur: keine — im Unter­schied dazu führt die EU-weit vorgeschriebene Implan­ta­tion eines Transpon­der-Chips in die Halsmusku­latur dur­chaus ein­mal zu gesund­heitlichen Prob­le­men. Die Schmerz­in­ten­sität des Bren­nens liegt, mit der gebote­nen Vor­sicht aller dies­bezüglichen Aus­sagen, wohl kaum außer­halb des Bere­ich­es, den sich die Tiere täglich auf der Wei­de gegen­seit­ig zufü­gen. Graf und Sitzen­stock befragten 668 Fach­per­so­n­en (Tierärzte), die Erfahrun­gen mit bei­den Kennze­ich­nungsver­fahren besitzen. Die Umfrage zeigte, dass sowohl das Ver­hal­ten der Fohlen nach der Transpon­der-Implan­ta­tion wie auch der Stress und die Schmerzen als deut­lich prob­lema­tis­ch­er eingeschätzt wer­den als beim Schenkel­brand [Graf, P. und Sitzen­stock, F. Heißbrand vs. Chip­pen – das Mei­n­ungs­bild der Prax­is. Göt­tinger Pfer­de­tage 138, 2011]. Den Stand der Forschung kann man in diesem Gutacht­en nach­le­sen: Prof. Dr. med. vet. Urs Schatz­mann (2012): Kennze­ich­nungsmeth­o­d­en bei Pfer­den mit­tels Heiss­brand und Transpon­der-Implan­ta­tion unter beson­der­er Berück­sich­ti­gung von Schmerzen und Lei­den.

Kurz: Eine Haarprobe, mit der im Zweifel per DNA-Analyse im Labor über­prüft wer­den kann, in Verbindung mit dem gebran­nten Zeichen und Zahlen­code, der auch ohne Chipleser eine ein­deutige Iden­ti­fika­tion ermöglicht, ist ethisch nicht prob­lema­tis­ch­er als das “chip­pen” und viele andere alltägliche Prak­tiken der Pfer­de­hal­tung, sie ist bil­liger und prak­tis­ch­er als der Transpon­der-Chip, und sie ist eben­so fälschungssich­er, vielle­icht sog­ar sicher­er. Darüber hin­aus ist sie als Marken­ze­ichen berühmter Zuchtver­bände und tra­di­tion­sre­iche, ja archais­che Kennze­ich­nungsmeth­ode für den Besitzer­stolz wirtschaftlich und emo­tion­al von großer Bedeu­tung. Und damit kom­men wir zum Punkt: warum wird aus­gerech­net der Schenkel­brand ver­boten?

1. Die Pferdezucht eignet sich als Bauernopfer

Die Deutsche Reit­er­liche Vere­ini­gung (FN) und die Zuchtver­bände sind kleine Lichter im Sturm der tier­schützer­lichen Empörung. Sie kön­nen aber auch nicht mithal­ten mit anderen Nutztier­hal­ter-Lob­bies, hin­ter denen wirtschaftlichen Inter­essen ganz ander­er Dimen­sion ste­hen. Daher “aignet” sich dieses The­ma per­fekt zum Aktion­is­mus, der das Image des Min­is­teri­ums als Speer­spitze des Tier­schutzes effek­tiv befördern soll und dabei möglichst wenig kosten. Die Schlagzeile, die sich das BMELV für den Kabi­netts­beschluß aus­gedacht hat, lautet denn auch:

Aign­er: “Das Wohl der Tiere hat für die Bun­desregierung hohe Pri­or­ität
Deutsch­land nimmt beim Tier­schutz inter­na­tion­al eine Führungsrolle ein.” [BMELV.de]

Anders als dieser all­ge­meine den Poli­tik­be­trieb betr­e­f­fende Punkt, der jed­er Inter­es­sen­gruppe ohne Lob­by genau so passieren würde, hän­gen die fol­gen­den inhaltlichen Punk­te eng miteinan­der zusam­men.

2. Vermenschlichung von Tieren

Die Kam­pagne des Deutschen Tier­schutzbun­des e.V. “Schenkel­brand bei Pfer­den” set­zt, wie auch die gegen “Fer­kelka­s­tra­tion”, voll auf die Iden­ti­fika­tion Men­sch-Tier, wie die Kam­pag­nen­fo­tos, nun ja, deut­lich machen:

Kampagnemotiv Brandzeichen, Deutscher Tierschutzbund e.V.

Kam­pag­nemo­tiv Brandze­ichen, Deutsch­er Tier­schutzbund e.V.

Kampagnemotiv Ferkelkastration, Deutscher Tierschutzbund e.V.

Kam­pag­nemo­tiv Fer­kelka­s­tra­tion, Deutsch­er Tier­schutzbund e.V.

Abge­se­hen von der krassen Emo­tion­al­isierung des The­mas, die vielle­icht als der Kam­pag­nen­logik geschuldete Pro­voka­tion verzeih­lich ist, wer­den damit die Unter­schiede zwis­chen Men­sch und Tier hin­sichtlich der Auswirkun­gen ein­er Behand­lung wie dem Anbrin­gen eines Schenkel­bran­des geleugnet. Und da wird es aus mein­er Sicht sach­lich falsch. “Fühl Dich wie ein Pferd” — men­schlich­er und tierisch­er Schmerz sind auf der phys­i­ol­o­gis­chen Ebene das­selbe, die Schmerzempfind­lichkeit ist schon unter­schiedlich. Ich hat­te oben bere­its auf den Umgang der Pferde miteinan­der ver­wiesen. Oder, um ein anderes Beispiel zu nen­nen, kön­nte man sich ja ein­mal fra­gen, warum es für den Men­schen so schmerzhaft ist, aus­ge­lassen und ohne Spielzeug oder dicke Hand­schuhe mit einem Hun­dewelpen zu bal­gen, während die süßen Welpen untere­inan­der das müh­e­los weg­steck­en.

Es ist von großer Bedeu­tung für die Ver­ar­beitung von zuge­fügten Schmerzen, in welchen Kon­tex­ten sie zuge­fügt wer­den. Ob mir mein Arzt, ein Spiel­er der geg­ner­ischen Fußball­mannschaft oder ein Kleinkrim­ineller ein Gelenk überdehnt, ist ein riesiger Unter­schied. Eben­so ist es für ein Pferd nicht das­selbe, ob es von der Leit­stute wegge­bis­sen wird, bei der panis­chen Ver­weigerung des Gangs auf den Hänger mit der Peitsche mal­trätiert — oder, während eine ver­traute Per­son den Kopf tätschelt, es mal kurz am Hin­terteil zwickt. Diese Kon­textab­hängigkeit gibt es bei Men­sch und Tier gle­icher­maßen, wenn auch die Kon­texte hin­sichtlich der Bedeu­tung des Schmerzes art­spez­i­fisch jew­eils andere sind.

Ohne Par­al­lele bei den Tieren ist hinge­gen die Bedeu­tungsaufladung des zuge­fügten Schmerzes beim Men­schen. Der Men­sch, dem wider Willen etwas zuge­fügt wird, wie das Bild es insinuiert, fühlt viel mehr als den Schmerz: er fühlt sich in sein­er Integrität ver­let­zt und gedemütigt. Ohne mich hier zum Tierethik-Experten auf­schwin­gen zu wollen: Für Tiere stellt sich die Sache ein­fach­er dar. Ist der, der mir den Schmerz zufügt, schwäch­er oder stärk­er als ich, gehört er zu mein­er Herde? Kuschen oder angreifen? Der Slo­gan des Tier­schutzbun­des lautet: “Tiere lei­den wie wir”. Ich glaube nicht. Tiere lei­den anders.

Das Pferd ist ein Her­den­tier, so wie der Hund ein Rudelti­er ist. Diese Wesen leben mit ihres­gle­ichen in ein­er stren­gen sozialen Hier­ar­chie, die von den Leit­tieren mit nicht ger­ade zim­per­lichen Mit­teln aufrechter­hal­ten wird. Es würde wed­er den Tieren gerecht noch wäre es aus Sicher­heits­grün­den zu ver­ant­worten, würde der Men­sch in der sozialen Hier­ar­chie der Herde bzw. des Rudels nicht unange­focht­en einen Platz über den pelzi­gen Fre­un­den ein­nehmen.

     3. Das Brandzeichen als Symbol

Ein Brandze­ichen eignet sich per­fekt für Kam­pag­nen: ein Foto, alles klar. Wie viel schwieriger wäre es, den viel prob­lema­tis­cheren weitver­bre­it­eten Bewe­gungs­man­gel von Pfer­den auf­grund von 23-h-Box­en­hal­tung und/oder schwachen Reit­ern auf den Punkt zu brin­gen? Aber nicht nur auf­grund der guten Visu­al­isier­barkeit ist der Schenkel­brand ein ide­ales Motiv für eine Tier­schutz-Kam­pagne.

3.1 Das Brandzeichen symbolisiert Entmenschlichung

Das Brandze­ichen ste­ht sym­bol­isch dafür, daß wir Nutztiere anders behan­deln als Men­schen. Einem Men­schen ein Brandze­ichen oder eine Tätowierung aufzwin­gen, das hat man mit Sklaven gemacht, mit Recht­losen, mit Schw­erver­brech­ern, mit Ket­zern, mit KZ-Häftlin­gen. Wenn man von der Kon­no­ta­tion mit dem par­a­dig­ma­tisch Bösen ein­mal absieht, ist es in jedem Fall mehr als die Reduzierung auf eine Num­mer, es ist das Kennze­ich­nen von jeman­dem als per­sön­lichem Eigen­tum und damit das Absprechen von eige­nen Per­sön­lichkeit­srecht­en. Aus einem Wesen mit eigen­er Würde wird eine Sache gemacht. Aus Sicht des Pfer­dezüchters wird aber natür­lich dem Pferd durch den Brand nicht etwa seine Würde genom­men, son­dern im Gegen­teil der beson­deren Würde des großar­ti­gen Zucht­tiers Aus­druck ver­liehen.

3.2 Das Brandzeichen symbolisiert Obszönität

Die Idee des Tier­schutzbun­des, nicht einen übergewichti­gen Rent­ner, son­dern ein Mod­el mit Brandze­ichen abzulicht­en, ist aus PR-Sicht nicht verkehrt. Der Sex­is­mus des Bildes ver­schmilzt mit der in heutiger Wahrnehmung vol­lkom­men obszö­nen archais­chen Strafe, einem Men­schen mit glühen­dem Eisen ein unaus­löschlich­es Mal beizubrin­gen. Ein bar­barisch­er Brauch aus vorchristlich­er Zeit. Das macht das Bild ein­er gebrand­mark­ten attrak­tiv­en nack­ten Frau auch noch wirkungsvoller als das eines gebrand­mark­ten Kindes, was ja sach­lich richtiger wäre, denn Fohlen, nicht erwach­sene Tiere wer­den gebran­nt. Es wur­den nicht unschuldige Kinder gebran­nt, son­dern (ange­blich) schuldige Erwach­sene, und so kommt die Kon­no­ta­tion des Bildes mit Sünde und Obszönität zus­tande.

Wie schwierig es ander­er­seits ist, den in der Debat­te um Tier­hal­tung eine zen­trale Bedeu­tung ein­nehmenden Obszönitäts-Punkt zu machen, wird, so finde ich, wiederum anhand des Kam­pag­nen­fo­tos deut­lich. Archais­che Tätowierun­gen und “Brand­ings” gel­ten vie­len als chic und sexy, und so ist die Ähn­lichkeit zu etwa diesem Wer­be­fo­to, in dem die (frei­willig erfol­gte) Tätowierung stolz präsen­tiert wird, kein Zufall. Was obszön gefun­den wird und was anziehend, liegt oft eng beieinan­der. Daß die Brandze­ichen der Pfer­derassen längst in der Tat­too- und Brand­ing-Szene angekom­men sind, zeigen diese drei Trakehn­er-Zeichen, die bei­den linken tätowiert und das rechte tat­säch­lich gebran­nt.

3.3 Das Brandzeichen symbolisiert eine Tradition

Wie Fam­i­lien­wap­pen ste­hen die Brandze­ichen der Zuchtver­bände und Gestüte für alte Tra­di­tio­nen, und hier ver­mute ich ein­fach mal, daß die Inkom­pat­i­bil­ität der Wertvorstel­lun­gen in den stereo­typen Tier­schützer- ver­sus Pfer­dezüchter/Re­it­er-Milieus einen weit­eren Grund dafür abgibt, warum man sich als Tier­schützer aus­gerech­net auf die Prax­is des Schenkel­brands stürzt. Der militärisch/aristokratisch anmu­tende Wap­pen-Kult sowie über­haupt die Her­vorhe­bung der Abstam­mung passen so gar nicht zu den Wertvorstel­lun­gen ein­er eher urba­nen, linken und mul­ti­kul­turellen Tier­schützer-Szene. Als Slow Food-Fre­und gehen meine Intu­itio­nen eher in die andere Rich­tung, näm­lich daß es sich bei den Brandze­ichen um eine schützenswerte Tra­di­tion han­delt, die also unab­hängig von ihrem reinen Nutzw­ert um der Diver­sität und des kul­turellen Gedächt­niss­es willen erhal­ten wer­den sollte, wenn sie, was sie nicht ist, nicht aus anderen Grün­den moralisch prob­lema­tisch wäre.

Tagged with →  
  • Tim Kiper

    Schön.
    Sach­lich argu­men­tieren ist ja lei­der in der emo­tion­s­ge­lade­nen Pfer­dewelt nicht ger­ade an der Tage­sor­d­nung, aber dur­chaus möglich, wie dieser Artikel beweist. Weit­er so!

  • Tier­schutz vor Men­schen­schutz

    Fritz Feger sollte bei vollem Bewußt­sein kas­tri­ert wer­den…
    Danach noch etwas anbren­nen und gut ist.…..