Richtige Ernährung als gesunde Ernährung

Initiativen und die öffentliche Debatte um richtiges Essen konzentriert sich, abgesehen von Natur- und Tierschutzaspekten, auf die Frage, inwieweit Nahrungsmittel gesund sind. Der Begriff der Gesundheit, laut WHO „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“[1], wird dabei oft auf den Aspekt des körperlichen Wohlergehens verengt. Enthält ein Nahrungsmittel viele Vitamine, Mineralien, Spurenelemente, Omega-3-Fettsäuren oder weitere als der Gesundheit förderlich ermittelte Stoffe? Ist es arm an Reiz-, Gift- und schwer verdaulichen Substanzen? Als Beispiele für diese Fokussierung sollen drei reichen: Michelle Obamas Let’s Move, das deutsche Pendant dazu, nämlich Ilse Aigners in form, sowie insbesondere der Verein foodwatch, der sich als „Verbraucher-Lobbyorganisation“ mit dem Aufdecken von Lebensmittelskandalen einen Namen gemacht hat.

Richtiges Essen ist mehr als gesund

So richtig und wichtig diese und ähnliche Projekte sind: mir scheint, als wäre das Ziel einer besseren und damit auch gesünderen Ernährung eher zu erreichen, wenn die kulturelle Dimension des Essens stärker ins Zentrum gerückt würde. Ich möchte die Nützlichkeit von Listen mit Nährstoff- und Kaloriengehalten, Ampelkennzeichnung und neuesten Erkenntnissen über diesen oder jenen Inhaltsstoff nicht im Mindesten anzweifeln. Aber drei Dinge gefallen mir daran nicht so gut:

  1. Richtiges Essen als Verzehr von nährstoffreichen und unschädlichen Lebensmitteln in durch die ensprechenden Listen geforderten Mengen heißt: richtiges Essen als Vermeidung von falschem Essen, richtiges Essen aus Angst vor falschem Essen. Es ist eine Binsenweisheit, dass Motivation über positive Anreize besser funktioniert als über Angst, Strafe, schlechtes Gewissen.
  2. Falls die üblichen Verdächtigen der Industrie, paradigmatisch McDonalds, in der Lage sein sollten nachzuweisen, daß sie nährstoffreiche und unschädliche Lebensmittel verkaufen, ist dieser Argumentationsstrang am Ende. Für mich wäre aber auch mit gesunder industrieller Massenverpflegung (kann es das geben?) das Ziel des richtigen Essens nicht erreicht.
  3. Eine Beeinträchtigung der körperlichen Gesundheit durch den Konsum von „falschen“ Nahrungsmittel (Ampel = rot, wenig Vitamine etc.) ist nur in Tateinheit mit anderen Fehlern zu erwarten, z.B. wenn „gesunde“ Nahrungsmittel mehr oder weniger gar nicht auf dem Speiseplan stehen und/oder zusätzliche Risikofaktoren wie Überernährung, Bewegungsarmut, genetische Prädisposition etc. vorliegen. Für eine „Verteufelung“ bestimmter Nahrungsmittel kann man so nicht schlüssig argumentieren; gute Argumente gegen Fast Food, Tiefkühlpizza, Chips, Schokoriegel, Cola & Co. brauchen mehr.

Eßkultur

Um die bedrohliche Zunahme von Adipositas bei Kindern und die „massiven Wissenslücken der Bevölkerung zum Thema Ernährung und Gesundheit“ [Nationale Verzehrstudie II] in den Griff zu bekommen, brauchen wir eine andere Eßkultur. In einer anderen, „richtigen“ Eßkultur greifen viele Dinge ineinander:

  • Wissen – nicht nur, was drin ist, sondern auch, wo es herkommt, wie es hergestellt wurde, was man damit machen kann. Nicht nur Wissen, das das Gewissen beruhigt – sind die Inhaltsstoffe gesundheitsförderlich und unschädlich?, sind soziale und Umweltaspekte von Produktion und Handel in Ordnung? -, sondern auch Wissen über die landwirtschaftlichen und kulinarischen Besonderheiten der Herkunftsregion, über Zubereitungsarten, Rezepte, Traditionen, Anekdoten…
  • Können – eine Demeter-Fertigpizza ist immer noch Fast Food. Man kann auf die Dauer nur „richtig“ essen, wenn man auch richtig kochen kann, also selbst, am besten ohne sklavisches Abarbeiten eines Rezepts, aus Urprodukten ein schmackhaftes Gericht fertigbekommt. Sonst bleibt das Wissen angelesen.
  • Genuß – statt Angst vor dem falschen Essen Lust auf das richtige Essen! Was Lust bereitet, hängt in hohem Maße davon ab, was man kennt und bewußt wahrgenommen hat. Die Tiefkühlpizza schmeckt nicht mehr so recht, wenn man weiß, wie Pizza schmecken kann (oder daß es auch andere Gerichte gibt). Man kann – und muß – nicht nur Geschmack lernen, sondern auch Genuß.
  • Rituale – traditionell und selbst ausgedacht. So bekommt die Lust eine Form. Kultur als „Pflege der geistigen Güter“. Eine Weihnachtsgans, ein Sonntagsbraten, ein Familien-Koch-Samstag mit vorherigem Einkauf auf dem Markt, ein Montags-Reste-Eintopf, eine Bratwurst mit Bier am Fußballplatz, ein Kaffee zur Zeitung, das sind klassische Anlässe; Tischmanieren sind eine klassische Institution der Wertschätzung nicht nur des Essens, sondern auch des Gegenübers; Kochrezepte sind nicht nur Anleitungen zur Herstellung einer genießbaren Mahlzeit, sondern Botschafter einer Region, einer Kultur.

Es geht auch noch pathetischer: Was gibt es intimeres und tieferes, als sich etwas in den Mund zu stecken, es zu zerkauen und herunterzuschlucken und es so dem eigenen Körper einzuverleiben? Wenn wir das Essen funktionalisieren, funktionalisieren wir uns selbst. Ein sorgfältiger Umgang mit uns und mit der Natur schließt auch mit ein, daß Essen mehr ist als gesunde Ernährung.

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