Daß mit der EHEC-Epi­demie, ob mit oder ohne voll­ständi­ger Aufk­lärung der Infek­tion­swege, auch Bio­gas in den Blick ger­at­en würde, war nur eine Frage der Zeit.

Der Fernse­hbeitrag in der SWR-Sendung “Report” vom Mon­tag abend etwa sieht starke Ver­dachtsmo­mente, während der Fachver­band Bio­gas e.V. den Stand der Forschung so zusam­men­faßt:

Dr. Wern­er Philipp von der Uni­ver­sität Hohen­heim hält die Möglichkeit, dass die derzeit in Deutsch­land auftre­tenden EHEC-Erkrankun­gen durch Bio­gasan­la­gen aus­gelöst wur­den, für aus­geschlossen. Nach den bish­eri­gen wis­senschaftlichen Erken­nt­nis­sen kann davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass bere­its durch eine Vergärung bei mesophilen Prozesstem­per­a­turen (37 – 42 °C) eine deut­liche Verbesserung des seuchen­hy­gien­is­chen Sta­tus der Gär­sub­strate festzustellen ist. Dies zeigen umfan­gre­iche Unter­suchun­gen der Uni­ver­sität Hohen­heim, der Bay­erischen Lan­desanstalt für Land­wirtschaft (LfL) und der Thüringer Lan­desanstalt für Land­wirtschaft (TLL), bei denen Kolibak­te­rien zu 99,9 Prozent abgetötet wur­den.” (Quelle: Pressemit­teilung des Fachver­bands Bio­gas e.V.)

Diese Infor­ma­tio­nen ste­hen in voll­ständi­gem Wider­spruch zueinan­der. Was trifft nun zu?

Daß der inves­tiga­tive Jour­nal­is­mus solche The­men liebt, ist klar. Aber auch für eingeschworene Bio­gas-Geg­n­er ist EHEC ein gefun­denes Fressen (ich bitte um Entschuldigung für meine zynis­che Meta­pher und weise höch­stvor­sor­glich darauf hin, daß es natür­lich viel mehr “nicht eingeschworene”, d.h. abwä­gende Geg­n­er gibt). Was auch immer hin­ter der Geg­n­er­schaft ste­ht: seien es Anlieger, die sich um Geruchs- oder Geräuschbeläs­ti­gung oder eine Wert­min­derung ihrer Immo­bilie etc. sor­gen, Naturschützer, für die Bio­gas mit Pes­tiziden, Kun­st­dünger und auf­grund indus­trieller Meth­o­d­en wie Monokul­tur und Inten­sivierung arte­n­ar­men Biotopen ein­herge­ht, preis­sensi­ble Stromkun­den u.v.m. — man kön­nte sich kaum ein besseres The­ma aus­denken, um Stim­mung gegen eine Tech­nolo­gie zu machen, als sie mit ein­er fatal­en Kon­t­a­m­i­na­tion von Lebens­mit­teln in Verbindung zu brin­gen. Dinge, die in unseren Kör­p­er ein­drin­gen und dort Schä­den anricht­en, sind gefühlsmäßig die ulti­ma­tive Bedro­hung, wie die “Atom-Debat­te” nach dem katas­trophalen Unfall von Fukushi­ma ger­ade wieder ein­drucksvoll vor Augen geführt hat. Siehe hierzu meinen Artikel zum The­ma “Wider die Ver­nun­ft: Warum die Angst vor der Kernkraft nicht irra­tional ist” (gemein­sam mit Sabine Döring) in der Juni-Aus­gabe von Gehirn und Geist.

Es gibt bis­lang kein­er­lei konkrete Hin­weise auf die Ver­bre­itung von EHEC durch Gär­pro­duk­te aus der Bio­gaserzeu­gung. Trotz­dem hat die Klärung der Frage, ob eine Kon­t­a­m­i­na­tion von Lebens­mit­teln oder Fut­ter­mit­teln durch Gär­reste möglich ist, absolute Pri­or­ität für die Bio­gas-Branche. Statt sich von der Presse, besor­gen Ver­brauch­ern oder der Poli­tik in die Defen­sive brin­gen zu lassen, soll­ten die Branchen­ver­bände sich selb­st an die Spitze der dazu erforder­lichen Analy­sen und ggf. ganz­er Forschung­spro­jek­te stellen. In diesem Punkt ist dem Fachver­band Bio­gas e.V. zuzus­tim­men, dessen Präsi­dent Josef Pellmey­er sich so zitieren läßt:

Die Betreiber […] von Bio­gasan­la­gen [soll­ten sich] dem vorgeschla­ge­nen Unter­suchung­spro­gram gegenüber koop­er­a­tiv zeigen. Die Branche kann so ihren Beitrag zur Ein­gren­zung der Ursachen für die EHEC-Ver­bre­itung leis­ten”

Die Pressemit­teilung des Ver­ban­des enthält aber auch Töne, die mir nicht beson­ders hil­fre­ich erscheinen. Auch wenn die oben zitierten wis­senschaftlichen Unter­suchun­gen eine klare Aus­sage enthal­ten, die anzuzweifeln in Erman­gelung konkreter Hin­weise zunächst kein Anlaß beste­ht, wäre es sicher­lich klüger, die Pressemit­teilung nicht EHEC-Ver­bre­itung durch Bio­gas aus­geschlossen zu über­schreiben. Man begeg­net “Panikmache” nicht so, denn Leser hat schon zu oft erlebt, wie Beschwich­ti­gun­gen, Leug­nun­gen, Ehren­worte und der­gle­ichen schließlich in sich zusam­men­fall­en und sich am Ende doch her­ausstellt, daß es eine Gefährdung, Fehltritte o.ä. gegeben hat. Statt die Medi­en­vertreter aufzu­fordern, “sich in der Berichter­stat­tung auf Fak­ten zu konzen­tri­eren und nicht durch vorschnelle Speku­la­tio­nen die Öffentlichkeit zu verun­sich­ern” (so der Geschäfts­führer des Ver­bands, Claudius da Cos­ta Gomez, eben­da), wäre aus mein­er Sicht anzu­rat­en, die Äng­ste ern­stzunehmen und so der Panikmache den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ist es denn nicht ein nahe­liegen­der Gedanke, daß Darm­bak­te­rien aus der Gülle im Fer­menter gute Bedin­gun­gen vorfind­en, sich zu ver­mehren? Warum nicht demon­stra­tives Bemühen um Aufk­lärung statt The­a­ter­don­ner? Der Presse sind der­ar­tige Zurechtweisun­gen her­zlich gle­ichgültig, den Leser überzeu­gen sie nicht.

 

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4 Responses to Was denn nun? Biogas und EHEC-Aussagen widersprechen sich vollständig

  1. d.schwefer@bioconstruct.de' DS sagt:

    sehr kluger Beitrag! Schö­nen Gruß vom Bio­Con­struct-Mar­ket­ing

  2. mail@fritzfeger.de' Fritz Feger sagt:

    Bio­gas­rat: Weniger Krankheit­ser­reger in aus­ge­gas­ten Gär­resten als in Gülle Col­ibak­te­rien all­ge­gen­wär­tig, Infek­tio­nen nur durch Sauberkeit zu ver­hin­dern. http://bit.ly/mTwqRl

  3. raphaelaworschek@gmail.com' Raphaela Worschek sagt:

    Hal­lo zusam­men!
    Danke für den Beitrag. Hab hier auch einen sehr kri­tis­chen Artikel zum The­ma Bio­gasan­la­gen gele­sen – vielle­icht inter­essiert er Euch ja: http://www.myheimat.de/springe/politik/da-wird-das-ei-in-der-pfanne-verrueckt-h-d2494642.html

    Schöne Grüße,
    Raphi